Von jedem Jahr ha- ben die meisten Menschen rückblick- end zumeist zwei Sichtweisen. Die eine teilt man gewisser- maßen mit dem kollektiven Gedächt- nis der Gesellschaft, die andere ist eine sehr persönliche. Im Jahre 1985 rückte beispielsweise ein gewisser Michail Gorbatschow zum Generalsekretär der KPdSU auf, in der Bundesrepublik wurde der Privatsender Sat 1 und mit dem 17-jährigen Wimbledonsieger Boris Becker ein neues Idol geboren. Das sind die allge- mein bekannten Fakten. Weit abseits der breiten Öffent- lichkeit wäre der 20-jährige Werkzeug- macher Stefan Glo- wacz in der kleinen piemontesischen Gemeinde Bardo- necchia allerdings fast in Ohnmacht gefallen. Der 5. Juli 1985 war seine persönliche Geburt als Wettkampfkletterer.
Natürlich ahnte Ste- fan Glowacz davon anfangs ebenso wenig wie die promi- nenteren Aufsteiger von ihrer späteren Rolle als Friedens- bringer oder Besen- kammer-Casanova. Denn wie so häufig ging im Grunde alles sehr plötzlich. So früh Stefan Glowacz durch die elterliche Obhut auch mit den Bergen vertraut gemacht worden war, entdeckte er die Faszination des Sportkletterns doch erst während eines Kletter-kurses im Altern von 15 Jahren. Bald erkannte er, dass mit weniger Training genauso weit und hoch kam als andere - und mit gleichem Training eben weiter und höher. Doch Glowacz trainierte mehr als die meisten anderen, weil ihm das Leben an den Fingerspitzen etwas Neues gab: Selbstbestätigung. Mit jenem Tag in Bardonecchia, als Glowacz den ersten
offiziellen Sportklet- terwettkampf ge- wann, erreichte nicht nur sein Stolz betäubende Höhen. Er entdeckte mit dem Sieg auch die Lust am Kräfte- messen und sein Talent, Höchstleis- tungen unter Druck abrufen zu können. 1987, 1988 und 1992 gewann er als Profi das Rock Master in Arco, die inoffizielle Weltmeisterschaft im Klettern, anschlie- ßend den Demons- trationswettkampf bei den olympischen Winterspielen in Albertville (1992). Gerade als die Klettersportbewegung ihren vorläufigen Zenit erreicht hatte, sah sich auch Glowacz auf dem Höhepunkt einer Lebensphase: Er beendete mit dem zweiten Platz bei den Weltmeisterschaften in Innsbruck 1993 deshalb seine Wett- kampfkarriere und suchte sich neue Herausforderungen. Noch heute ist er der erfolgreichste Wett- kampfkletterer Deutschlands.
Ohne das Korsett der Kletterwettkämpfe stand plötzlich jener Freiraum für Krea- tivität zur Verfügung, der schnurstracks in die unterschied- lichsten Abenteuer mündete. Einfalls- reichtum wurde genauso wichtig wie Muskelkraft, um das Leben an den Finger- spitzen fortzuführen. Statt anderen im Wettkampf die Grenzen aufzuwei- sen, ging es Glowacz stärker darum, die Grenzen des eigenen Horizonts auszuwei- ten. So bewältigte er mit der Erstbegeh- ung von „Des Kaisers neue Kleider” im 10. Schwierigkeitsgrad eine der weltweit schwierigsten Alpinkletterrouten - ganz ohne Gegner. Später führten ihn seine Entdeckungsrei- sen zu teilweise 1000 Meter hohen Wänden in den entlegensten Gegenden von Kenia, Kanada, Venezuela, Patagonien und Baffin Island, die meist eine mehrwö- chige Anreise erfor- dern. Die Routen an den Wänden dieser Welt sind daher im- mer auch kleine Reisen auf einer per- sönlichen, langen, die im Juli 1985 ihren Anfang fand.